Lebensqualität durch minimalinvasive funktionelle Gaumenrekonstruktion
Autor:innen:
Dr. med. Lisa Rahnert1
Enes Kücük2
PD Dr. med. Laurent Muller2
PD Dr. med. Tarek Ismail1
1 Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Universitätsspital Basel
2 Klinik für HNO und Kopf-/Halschirurgie, Universitätsspital Basel
E-Mail: tarek.ismail@usb.ch
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Die funktionelle Rekonstruktion im Kopf-Hals-Bereich zählt zu den anspruchsvollsten Aufgaben moderner Chirurgie, da sie zentrale Lebensfunktionen unmittelbar betrifft. Wenn der weiche Gaumen durch Tumoroperationen seine Aufgabe nicht mehr erfüllt, geraten Atmen, Schlucken und Sprechen aus dem Gleichgewicht – mit oft drastischen Folgen für Lebensqualität und Alltagstätigkeiten der Betroffenen.
Keypoints
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Die Kombination aus gefaltetem freiem Unterarmlappen und Muskeltransfer ermöglicht eine zuverlässige anatomische und funktionelle Wiederherstellung des weichen Gaumens.
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Durch den vermehrten Einsatz von minimalinvasiven, roboterassistierten Techniken wird die Durchtrennung des Unterkiefers für eine Tumorentfernung entbehrlich, ohne dass Kompromisse bei der Resektion gemacht werden müssen.
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Klinische Ergebnisse zeigen sehr gute Schluck- und Sprachfunktion sowie eine geringe Komplikationsrate.
Atmen, Essen, Schlucken und Sprechen finden im Kopf-Hals-Bereich auf engstem Raum statt. Hochpräzise verschaltete Muskeln, durch multiple Nerven angesteuert, wirken miteinander, um Funktionen in unserem alltäglichen Leben zu steuern. Wird bei einem Tumorleiden im Bereich des Mund-Rachen-Raumes (Oropharynx) eine tumorchirurgische Operation mit Resektion des betroffenen Areals durchgeführt, entstehen häufig grosse Defekte des weichen Gaumens (Velum). Entfernt man den Tumor im Rahmen der Operation, müssen dabei auch Teile des weichen Gaumens entfernt werden. Dies führt aufgrund des Fehlens der Trennung des Nasen- und Mundraumes zu erheblichen Einschränkungen und Schwierigkeiten beim Essen, Schlucken und Sprechen. Daraus resultieren erhebliche Funktionsstörungen des vorher gut aufeinander abgestimmten Systems. Eine neue chirurgische Technik aus Basel zeigt nun, dass selbst komplexe Gaumendefekte nicht nur behoben werden können, sondern dass der Gaumen minimalinvasiv mithilfe von roboterassistierter Chirurgie funktionell wiederhergestellt werden kann.1
Die Wiederherstellung des weichen Gaumens ist höchst komplex und war bis vor wenigen Jahren nur eingeschränkt möglich. Zudem zeigten Studien, dass Patient:innen mit Kopf- und Hals-Tumoren, neben Patient:innen mit Tumorerkrankungen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen die höchste Suizidrate aufwiesen.2 Durch den medizinischen Fortschritt haben sich neue Medikamente und operative Techniken etabliert, welche die Lebenserwartung deutlich erhöhen. Neben der Überlebenschance rücken deshalb Aspekte wie die Rückgewinnung der Lebensqualität oder die Fähigkeit, den Alltag selbstständig bestreiten zu können, immer mehr in den Vordergrund.
Der Rachen (Pharynx) ist ein 12 bis 15cm langer Muskelschlauch, der in drei anatomische Abschnitte untergliedert wird (Abb.1):
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Nasopharynx: der oberste Abschnitt, welcher an die Nasenhöhle angrenzt,
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Oropharynx: der mittlere Abschnitt (zwischen Nasopharynx und Hypopharynx), angrenzend an die Mundhöhle und hinter dem Zäpfchen (Uvula) gelegen,
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Laryngo-/Hypopharynx: der dritte, untere Abschnitt, angrenzend an den Oropharynx, in unmittelbarer Nähe zum Kehlkopf, wonach sich Speiseröhre (Ösophagus) und Luftröhre (Trachea) aufteilen.
Der weiche Gaumen wird vor allem durch den Oropharynx gebildet und grenzt an die Mundhöhle. Er übernimmt gleich mehrere lebenswichtige Aufgaben: Einerseits verhindert der weiche Gaumen, dass Nahrung oder Flüssigkeit in die Nase gelangen. Andererseits hilft er beim Bilden von Lauten und sorgt dafür, dass die Stimme nicht nasal klingt. Je nach Bedarf öffnet und schliesst er den Zugang zum Nasenraum (Nasopharynx) und ist für die Belüftung des Mittelohres mitverantwortlich.
Muss aufgrund eines Tumors (bspw. des immer häufiger auftretenden HPV-assoziierten Oropharynxkarzinoms) mehr als die Hälfte des weichen Gaumens entfernt werden, kann der Körper diese Funktionen kaum kompensieren. Die Nahrung läuft in die Nase zurück (Regurgitation), und die Sprache klingt «näselnd» (Rhinophonia aperta). Zudem wird das Schlucken nahezu unmöglich. Die unvollständige Trennung des Nasen- vom Rachenraum (velopharyngeale Insuffizienz) und die reduzierten Druckverhältnisse aufgrund des offenen Raumes in Richtung Nase führen dazu, dass der Speichel nicht mehr adäquat geschluckt werden kann, sodass ein häufiges Verschlucken resultiert.3,4
Rekonstruktion von Form und Funktion
Früher beschränkten sich plastisch-chirurgische Rekonstruktionen ausschliesslich darauf, die Form des Gaumens wiederherzustellen. Das Ziel bestand darin, den durch die Tumorentfernung entstandenen Defekt an Gaumen und Rachen mit Gewebe aufzufüllen und so weit wie möglich nach oben, in Richtung der Nase, «abzudichten». Nach der Operation war es jedoch nur noch eingeschränkt möglich, zu schlucken und zu sprechen.5–6 Ausserdem konnte die postoperative Schwellung den Abfluss des Nasensekrets stören (anteriore Rhinorrhö) und so zu einem Verschluss der oberen Atemwege führen und das Atmen erschweren.5–8 Aufgrund dieser erheblichen postoperativen Einschränkungen wurde in einigen Fällen keine Tumoroperation, sondern eine Radiochemotherapie durchgeführt.9–12
Um dieser Problematik zu begegnen, sind in den letzten Jahrzehnten neue rekonstruktive Konzepte entstanden, um bessere Ergebnisse für Patient:innen zu erreichen. Hiernach sollte die Wiederherstellung des weichen Gaumens aus zwei Komponenten bestehen. Zum einen muss das durch die Operation entfernte Volumen wiederhergestellt werden, um die Form nachzubilden. Zum anderen sollen durch die Operation die wesentlichen Gaumenfunktionen (Atmen, Schlucken, Sprechen) gewährleistet werden.
Eine neue Möglichkeit für eine solche funktionelle Gaumenrekonstruktion wurde am Universitätsspital in Basel durch die Zusammenarbeit der Kliniken für HNO und Plastische Chirurgie entwickelt. Hierbei wird eine mikrovaskuläre freie Gewebetransplantation (freie Lappenplastik) mit einem Muskelsehnentransfer kombiniert. Typischerweise wird für die Rekonstruktion der Gaumenform die freie Lappenplastik vom Unterarm (Radialislappen, Abb. 2) entnommen. Die Wiederherstellung der Funktion entsteht durch die Verlagerung (Transposition) eines kleinen Halsmuskels (Musculus digastricus) samt seiner Sehne, um eine Ansteuerung im Schluck- und Sprechakt zu ermöglichen.1,13–16
Abb. 2: Von links nach rechts: Tumor des weichen Gaumens (Oropharynxkarzinom), Defektausmass nach Tumorresektion, Rekonstruktion mittels Sandwich-Technik, bestehend aus freiem Unterarmlappen (Radialislappen) und verlagertem Muskel
Während der Operation wird der dünne Haut- und Gewebelappen vom Unterarm gefaltet. Dadurch entstehen, ähnlich wie bei einem Sandwich, mehrere Schichten. Die innere Schicht des Lappens dient dabei der Abdichtung des Nasenraums, die äussere der Abgrenzung des Mundraumes. Zwischen den beiden Schichten befindet sich der verlagerte M. digastricus mit seiner Sehne. Das Ergebnis ist ein neuer Gaumen, mit einem funktionierenden Muskel. Durch muskuläre Anspannung kann das Gaumendach aktiv gehoben werden, wodurch ein Verschlucken verhindert wird.
Klinische Ergebnisse: gute Funktion bei komplexen Defekten
Diese Art der Gaumenrekonstruktion zeigt gute funktionelle Ergebnisse für Essen, Trinken und Sprache und wurde aufgrund dessen am Universitätsspital Basel mittlerweile der Standard zur Wiederherstellung des Gaumens. Die Ergebnisse wurden im Journal of Plastic, Reconstructive and Aesthetic Surgery publiziert.1
Minimalinvasive roboterassistierte Chirurgie
Die Indikation zur funktionellen Gaumenrekonstruktion hat sich durch den Einsatz der roboterassistierten Chirurgie noch erweitert. Das operative Setting ist hierbei in Abbildung 3 sichtbar. Mithilfe der transoralen Roboterchirurgie (TORS) ist es heute möglich, Tumoren in anatomisch schwer zugänglichen Regionen, wie dem Hypopharynx oder dem tieferen Oropharynx, minimalinvasiv zu resezieren und anschliessend mittels freier Lappenplastiken zu rekonstruieren, ohne dass hierfür eine Unterkieferspaltung erforderlich ist.
Abb. 3: Einsatz TORS (im Vordergrund: Operateur, im Hintergrund: Roboterarme und Patient)
Tumoren des Oropharynx (z.B. des Gaumens) mit Ausdehnung in den schwer zugänglichen Hypopharynx oder bis hin zum Zungengrund können auf diese Weise ebenfalls entfernt und die Strukturenfunktionell rekonstruiert werden. Dieses chirurgische Vorgehen erweitert das therapeutische Armamentarium der Kopf-Hals-Chirurgie erheblich, insbesondere unter Berücksichtigung der postoperativen Sprach-, Schluck- und Atemfunktion in diesem komplexen anatomischen Raum.17–18
Schlussfolgerung
Die funktionelle Rekonstruktion des weichen Gaumens mittels freier Unterarmlappenplastik in Kombination mit Sehnentransfer stellt einen bedeutenden Fortschritt in der onkologischen Kopf-Hals-Chirurgie dar. In Verbindung mit der roboterassistierten Chirurgie können auch ausgedehnte, anatomisch schwer zugängliche Tumoren onkologisch adäquat reseziert und funktionell rekonstruiert werden, was zu einer deutlichen Verbesserung der postoperativen Funktion und Lebensqualität führt.
Literatur:
1 Oetliker-Contin S et al.: Functional soft palate reconstruction. JPRAS Open 2024; 43: 293-308 2 Osazuwa-Peters N et al.: Suicide risk among cancer survivors: head and neck versus other cancers. Cancer 2018; 124(20): 4072-9 3 Seikaly H et al.: Functional outcomes after primary oropharyngeal cancer resection and reconstruction with the radial forearm free flap. Laryngoscope 2003; 113(5): 897-904 4 Brown JS et al.: Functional outcome in soft palate reconstruction using a radial forearm free flap in conjunction with a superiorly based pharyngeal flap. Head Neck 1997; 19(6): 524-34 5 Witt PD et al.: Surgical management of velopharyngeal dysfunction: outcome analysis of autogenous posterior pharyngeal wall augmentation. Plast Reconstr Surg 1997; 99(5): 1287-96, discussion 1297-300 6 Lesavoy MA et al.: Upper airway obstruction after pharyngeal flap surgery. Ann Plast Surg 1996; 36(1): 26-30, discussion 31-2 7 Armour A et al.: Does velopharyngeal closure pattern affect the success of pharyngeal flap pharyngoplasty? Plast Reconstr Surg 2005; 115(1): 45-52 8 Marsh JL: Management of velopharyngeal dysfunction: differential diagnosis for differential management. J Craniofac Surg 2003; 14(5): 621-8, discussion 629 9 Sinha UK et al.: Functional outcomes following palatal reconstruction with a folded radial forearm free flap. Ear Nose Throat J 2004; 83(1): 45-88 10 Borggreven PA et al.: Swallowing after major surgery of the oral cavity or oropharynx: a prospective and longitudinal assessment of patients treated by microvascular soft tissue reconstruction. Head Neck 2007; 29(7): 638-47 11 Hashikawa K et al.: Positive narrowing pharyngoplasty with forearm flap for functional restoration after extensive soft palate resection. Plast Reconstr Surg 2005; 115(2): 388-93 12 McCombe D et al.: Speech and swallowing following radial forearm flap reconstruction of major soft palate defects. Br J Plast Surg 2005; 58(3): 306-11 13 Salame K et al.: Microsurgical anatomy of the facial nerve trunk. Clin Anat 2002; 15(2): 93-9 14 Netter FH et al.: Atlas of human anatomy. Philadelphia: Elsevier; 2011: 26-34 15 Irugu DVK et al.: Morphometry of the digastric ridge and its significance for mastoid surgeries – a cadaveric study. Ear Nose Throat J 2021; 100(6): NP296–NP298 16 Okada T et al.: Dynamic change in hyoid muscle length associated with trajectory of hyoid bone during swallowing: analysis using 320-row area detector computed tomography. J Appl Physiol 2013; 115(8): 1138-45 17 Monroe D et al.: Characteristics and outcomes of transoral robotic surgery with free-flap reconstruction for oropharyngeal cancer: a systematic review. J Robot Surg 2023; 17(4): 1287-97 18 Park DA et al.: Comparative safety and effectiveness of transoral robotic surgery versus open surgery for oropharyngeal cancer: a systematic review and meta-analysis. Eur J Surg Oncol 2020; 46(4 Pt A): 644-9 19 Schmitz M: Vorlesung Grundlagen der Anatomie & Embryologie, Atmungssystem. 2020: https://campus.uni-muenster.de/fileadmin/einrichtung/auvb/Lehrmaterial/AE_19_Atmung_1_.pdf (zuletzt aufgerufen am: 15.1.2026)
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