Medizintourismus für ästhetische Eingriffe und seine Folgen
Autor:innen:
Dr. med. Stefano Andreoli1, Dr. med. Giulia Fischer2, Dipl. med. Katarina Danuser1, Dr. med. Corrado Parodi2, Tit. Prof. Dr. med. Daniel Schmauss2,3, PD Dr. med. Thomas Holzbach1, Prof. Dr. med. Yves Harder4,5
1 Klinik für Hand- und Plastische Chirurgie, Spital Thurgau AG, Frauenfeld
2 Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Ospedale Regionale di Lugano, Ente Ospedaliero Cantonale (EOC), Lugano
3 Fakultät für Biomedizinische Wissenschaften, Università della Svizzera Italiana, Lugano
4 Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie und Handchirurgie, Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV), Lausanne
5 Fakultät für Biologie und Medizin, Universität Lausanne (UNIL), Lausanne
E-Mail: stefano.andreoli@hotmail.com
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Günstige Preise und schnelle Termine locken viele Menschen für Schönheitsoperationen ins Ausland. Doch Komplikationen zeigen sich oft erst nach der Rückkehr in die Schweiz – mit teils schweren medizinischen Folgen. Die Behandlung dieser Fälle belastet das Schweizer Gesundheitssystem und letztlich die Bevölkerung und wirft neue Fragen zur Verantwortung und Kostenverteilung auf.
Keypoints
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Komplikationen nach ästhetischen Eingriffen im Ausland zeigen sich oft erst nach der Rückkehr nach Hause.
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Das Schweizer Gesundheitssystem übernimmt alle Kosten der Komplikationen, die einen Krankheitswert aufzeigen, während andere Länder die Kostenübernahme einschränken.
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Die Kostenbelastung durch diese Komplikationen ist hoch – für das Gesundheitssystem und letztlich für die Bevölkerung.
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Bessere Patient:innenaufklärung, verpflichtende Beratung und letztendlich Kosten-beteiligung könnten für die Zukunft entscheidend sein.
Das Konzept dieser Studie zielt darauf ab, das zunehmende Phänomen des Medizintourismus für ästhetische Eingriffe und dessen Auswirkungen auf das Schweizer Gesundheitssystem zu untersuchen. In den letzten Jahren hat eine wachsende Zahl von in der Schweiz lebenden Personen beschlossen, für ästhetische Wahleingriffe ins Ausland zu reisen. Dies spiegelt einen globalen Trend des Medizintourismus wider, der durch niedrigere Kosten, kürzere Wartezeiten und den Zugang zu Eingriffen, die im Heimatland nicht ohne Weiteres verfügbar sind, begünstigt wird.1–5 Während die Entscheidung für eine Operation im Ausland häufig durch wirtschaftliche oder persönliche Vorteile motiviert ist, treten in der postoperativen Phase nicht selten Probleme auf. Komplikationen manifestieren sich meistens erst nach der Rückkehr der Patientinnen und Patienten in die Schweiz, sodass eine medizinische Versorgung im lokalen Gesundheitssystem erforderlich wird.6–8
Retrospektive Studie
Die zentrale Annahme der Studie besteht darin, dass das Schweizer Gesundheitssystem – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – die vollen Kosten für die Behandlung von Komplikationen nach ästhetischen Eingriffen, sofern diese einen Krankheitswert aufweisen, übernimmt, selbst wenn sie im Ausland durchgeführt wurden und sehr selten medizinisch dringlich indiziert waren.9,10 Daraus ergibt sich ein Paradoxon: Obwohl der primäre Eingriff elektiv ist und ausserhalb der Aufsicht schweizerischer medizinischer Standards ist, werden die Folgen postoperativer Komplikationen zur Verantwortung der Schweizer Ärzte, Spitäler, Versicherungen und letztlich der Schweizer Bevölkerung. Ziel der Studie ist es daher, diese Dynamik in ihren klinischen und ökonomischen Konsequenzen zu analysieren, indem Art der Komplikationen, Patient:innencharakteristika sowie Art der Folgebehandlung innerhalb der Schweiz untersucht werden.9,10
Diese retrospektive Zwei-Zentren-Studie wurde an der Abteilung für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie des Ente Ospedaliero Cantonale (EOC) in Lugano sowie an der Abteilung für Hand- und Plastische Chirurgie der Spital Thurgau AG (STGAG) durchgeführt. Patientinnen und Patienten, die zwischen Januar 2020 und Dezember 2024 mit Komplikationen nach im Ausland durchgeführten ästhetischen chirurgischen Eingriffen vorstellig wurden, wurden über die klinischen Informationssysteme der jeweiligen Institutionen identifiziert. Von insgesamt 275 identifizierten Fällen erfüllten 32 alle Einschlusskriterien und wurden in die finale Analyse aufgenommen. Die Einschlusskriterien umfassten volljährige Patientinnen und Patienten, die zum Zeitpunkt des Eingriffes im Ausland in der Schweiz wohnhaft und grundversichert waren und aufgrund von Komplikationen nach ästhetischer Chirurgie im Ausland eine stationäre Behandlung benötigten. Der Zeitraum betrug bis zu drei Jahre nach dem Eingriff bzw. bis zu einem Jahr im Falle einer Kapselfibrose. Ausschlusskriterium war das Fehlen einer allgemeinen Einwilligung zur Datennutzung.
Die Studie wurde von den Ethikkommissionen des Kantons Tessin und der Ostschweiz (EKOS) im Rahmen der allgemeinen Einwilligung beider Institutionen genehmigt (BASEC-Nr. 2024-02618).
Gründe für ästhetische Operationen im Ausland
Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Studienkonzepts betrifft die Motivation der Patientinnen und Patienten, sich einer ästhetischen Operation im Ausland zu unterziehen. Die Gründe sind vielfältig und gehen über rein finanzielle Überlegungen hinaus. Soziale Einflüsse, insbesondere Empfehlungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sowie Inhalte in sozialen Medien, spielen eine zunehmend wichtige Rolle.3,11,12 Zudem entscheiden sich Personen mit Migrationshintergrund häufig für einen Eingriff in deren Herkunftsland, bedingt durch kulturelle oder sprachliche Nähe, eine als einfacher empfundene Zugänglichkeit oder eine bessere Übereinstimmung mit persönlichen ästhetischen Vorstellungen.13 Die Studie berücksichtigt daher nicht nur die Folgen des Medizintourismus für ästhetische Eingriffe, sondern auch die zugrunde liegenden Beweggründe.
Typische Komplikationen nach ästhetischer Chirurgie
Die Ergebnisse heben zudem hervor, dass die auftretenden Komplikationen nach ästhetischer Chirurgie im Ausland häufig komplex sind und nach der Rückkehr in die Schweiz nicht nur konservative, sondern auch chirurgische Behandlungsmassnahmen erfordern. Typische Komplikationen umfassen Hämatome, Infektionen, Wundheilungsstörungen oder Brustimplantat-assoziierte Probleme.8–10,14,15Viele Betroffene stellen sich über Notfallstationen vor, was eine akute Behandlung erfordert. Nicht selten folgen zusätzliche operative Eingriffe, eine verlängerte ambulante Nachsorge oder teilweise zusätzliche stationäre Spitalaufenthalte. Dies verdeutlicht die Diskrepanz zwischen der ursprünglichen günstigeren ästhetischen Operation im Ausland und somit der Kostenersparnis und – im Falle einer Komplikation – den anfallenden Mehrkosten für das Schweizer Gesundheitssystem.6,9,10
Gesundheitsökonomische Analyse
Ein zentrales Element der Studie ist die gesundheitsökonomische Analyse. Die Schweiz verfügt über ein reguliertes Gesundheitssystem mit hohen Qualitätsstandards, deren Kostenstruktur strengen rechtlichen, infrastrukturellen und professionellen Vorgaben entspricht. Wenn Komplikationen nach ästhetischen Eingriffen im Ausland auftreten – häufig in Ländern mit anderen regulatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen –, müssen Schweizer Gesundheitsinstitutionen diese Fälle zu deutlich höheren inländischen Kosten behandeln.9,10,16 Im Gegensatz zu vielen internationalen Gesundheitssystemen, die eine Kostenübernahme für Komplikationen nach elektiver ästhetischer Chirurgie einschränken oder ablehnen, werden diese Kosten in der Schweiz vollständig übernommen, sofern die erlittene Komplikation mit einem Krankheitswert einhergeht.17–20 Dies wirft ethische und gesundheitspolitische Fragen hinsichtlich der Nachhaltigkeit des bestehenden Vergütungsmodells auf.
Eine bereits publizierte Schweizer Studie konnte zeigen, dass die stationäre Behandlung von Komplikationen nach ästhetischen Eingriffen im Ausland für Spitäler sogar zu einem finanziellen Gewinn führen kann. Hummel et al. zeigten, dass im Rahmen des «Swiss Diagnosis-Related Group»(DRG)-Systems die Vergütung durch Krankenkassen und Kanton die tatsächlichen Behandlungskosten überstieg, was zu einer positiven Nettobilanz pro stationärem Fall führte.10 Aufgrund eines vergleichbaren Vergütungssystems und ähnlicher klinischer Rahmenbedingungen ist zu erwarten, dass auch die vorliegende Studie einen ähnlichen finanziellen Trend aufzeigt und damit die besonderen ökonomischen Implikationen und Anreize des Medizintourismus für ästhetische Eingriffe im Schweizer Gesundheitssystem weiter unterstreicht.
Die Zwei-Zentren-Kohorte zeigt trotz lokal begrenzter Datenerhebung die nationale Relevanz des Medizintourismus für ästhetische Eingriffe auf. Selbst mittelgrosse Spitäler sehen sich regelmässig mit klinisch relevanten Fallzahlen von Patientinnen und Patienten konfrontiert, die nach ästhetischen Eingriffen im Ausland behandelt werden müssen, was die systemische Bedeutung für Spitalfinanzierung und öffentliche Versicherungsstrukturen verdeutlicht.9,10
Darüber hinaus unterstreicht die vorliegende Studie die Bedeutung einer informierten Entscheidungsfindung («informed consent»). Viele Patientinnen und Patienten lassen ästhetische Eingriffe im Ausland durchführen, ohne eine ausreichende präoperative Beratung oder ein umfassendes Verständnis der medizinischen, postoperativen und finanziellen Risiken zu haben.7,11 Das Studienkonzept hebt daher die Notwendigkeit einer verbesserten Patientenaufklärung sowohl auf individueller Ebene als auch im Rahmen der öffentlichen Gesundheitskommunikation hervor.
Komplexe Herausforderung
Abschliessend verfolgt die Studie das Ziel, eine multidimensionale Perspektive auf den Medizintourismus für ästhetische Eingriffeim Schweizer Kontext zu bieten. Durch die Integration klinischer Ergebnisse, gesundheitsökonomischer Analysen und soziokultureller Faktoren im Zusammenhang mit der Patient:innenmotivation wird Medizintourismus für ästhetische Eingriffe als komplexe Herausforderung dargestellt. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, koordinierte Strategien unter Einbezug von politischen Entscheidungsträgern, Versicherern, Gesundheitsdienstleistern und schliesslich Patientinnen und Patienten zu fördern, um die klinische und finanzielle Belastung durch Komplikationen nach im Ausland durchgeführten ästhetischen Eingriffen bestmöglich zu reduzieren.1,9,10
Literatur:
1 Connell J: Medical tourism: sea, sun, sand and … surgery. Tour Manag 2006; 27(6): 1093-100 2 Turner L: ‘First world health care at third world prices’: globalization, bioethics and medical tourism. Biosocieties 2007; 2(3): 303-25 3 Hanefeld J et al.: Why do medical tourists travel to where they do? The role of networks in determining medical travel. Soc Sci Med 2015; 124: 356-63 4 Turner LG: Quality in health care and globalization of health services: accreditation and regulatory oversight of medical tourism companies. Int J Qual Health Care 2011; 23(1): 1-7 5 Mainil T et al.: The discourse of medical tourism in the media. Tourism Review 2011; 66(1/2): 31-44 6 McAuliffe PB et al.: Complications of aesthetic surgical tourism treated in the USA: a systematic review. Aesthetic Plast Surg 2023; 47(1): 455-64 7 Snyder J: “Do your homework…and then hope for the best”: the challenges that medical tourism poses to Canadian family physicians’ support of patients’ informed decision-making. BMC Med Ethics 2013; 14(1): 37 8 Pereira RT et al.: Aesthetic journeys: a review of cosmetic surgery tourism. J Travel Med 2018; 25(1): tay042 9 Klein HJ et al.: Complications after cosmetic surgery tourism. Aesthet Surg J 2017; 37(4): 474-82 10 Hummel CE et al.: Complications arising from aesthetic surgery procedures in foreign countries and Switzerland. Swiss Med Wkly 2023; 153: 40077 11 Robertson EM et al.: Why do Canadians travel abroad for cosmetic surgery? A qualitative analysis on motivations for cosmetic surgery tourism. Plast Surg (Oakv) 2022; 30(4): 353-9 12 Singh L: Medical tourism motivations: the driving force. JOMAT 2019; 4: 77-86 13 Xu T et al.: An integrative review of patients’ experience in the medical tourism. Inquiry 2020; 57: 46958020926762 14 Miyagi K: The unwritten price of cosmetic tourism: an observational study and cost analysis. J Plast Reconstr Aesthet Surg 2012; 65(1): 22-8 15 Melendez MM, Alizadeh K: Complications from international surgery tourism. Aesthet Surg J 2011; 31(6): 694-7 16 Federal Statistical Office. Inflation Calculator. June 1, 2024; https://lik-app.bfs.admin.ch/en/lik/rechner?periodType=Jahresdurchschnitt&basis=AUTO&start=07.2022&ende=01.2023 (zuletzt aufgerufen am 19.1.2026) 17 Thacoor A et al.: Surgical management of cosmetic surgery tourism-related complications: current trends and cost analysis study of the financial impact on the UK National Health Service (NHS). Aesthet Surg J 2019; 39(7): 786-91 18 Venditto C et al.: Complications of cosmetic surgery tourism: case series and cost analysis. Aesthet Surg J 2021; 41(5): 627-34 19 Ross KM et al.: Plastic surgery complications from medical tourism treated in a U.S. academic medical center. Plast Reconstr Surg 2018; 141(4): 517e-523e 20 Roberts JL et al.: The cost of cosmetic surgery tourism complications to the NHS: a retrospective analysis. Surgeon 2024; 22(5): 281-5
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