Erklärungsversuch des Etagenwechsels von der Rhinitis zum allergischen Asthma
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Der „Etagenwechsel“ von der allergischen Rhinitis zum Asthma ist ein zentrales Konzept in der Allergologie – und zugleich komplexer, als der Begriff vermuten lässt. Nach wie vor sind einige Parameter ungeklärt, weshalb sich das Risiko für allergisches Asthma trotz bekannter Risikofaktoren nicht zuverlässig vorhersagen lässt.
Keypoints
-
Etagenwechsel bedeutet meist Etagenerweiterung:Allergisches Asthma tritt häufig zusätzlich zur bestehenden allergischen Rhinitis auf.
-
Nicht jede Rhinitis führt zu Asthma: Das Asthmarisiko ist zwar bei allergischer Rhinitis erhöht, wird aber von vielen Faktoren beeinflusst.
-
Vor allem bei frühem Beginn kann die allergenspezifische Immuntherapie den Verlauf allergischer Erkrankungen günstig beeinflussen und die Entwicklung von Asthma verzögern oder verhindern.
Schon vor einigen Jahrzehnten hatte man beobachtet, dass ein Zusammenhang zwischen den oberen und unteren Atemwegen besteht und dass Patienten mit allergischer Rhinitis häufig Asthma bronchiale entwickeln. Aufgrund dieser Erkenntnisse wurde das „One airway – one disease“-Konzept etabliert. Bei uns ist es eher unter dem Begriff „Etagenwechsel“ bekannt. Allerdings müsste man genauer von „Etagenerweiterung“ sprechen, da zu allergischer Rhinitis allergisches Asthma hinzukommt und die Rhinitis normalerweise nicht verschwindet. Doch wie funktioniert dieses System und ist es wirklich bei jedem Patienten anwendbar?
Gemeinsamkeiten der Atemwege
Die Atemwege beginnen an der Nasenspitze und enden in der Alveole. Gemeinsam sind ihnen das respiratorische Epithel mit Flimmerzellen und Becherzellen, die immunologischen Zellen der Mukosa und Submukosa (Epithelzellen, Mastzellen, T-Zellen, B-Zellen, ILC2-Zellen, eosinophile Granulozyten etc.) und ihre Zytokine und Alarmine (IL-4, IL-5, IL-13, TSLP, IL-33 etc.). Die Typ-2-Inflammation ist als systemische Inflammation zu verstehen. In mehreren Studien wurde gezeigt, dass die Inflammation der Nase auch die Inflammation der Lunge beeinflusst und vice versa.
Unterschiede
Im Gegensatz zur Nasenschleimhaut besitzen die Bronchien und Bronchiolen glatte Muskelzellen, die im Rahmen der Inflammation hypertrophieren und kontrahieren, was unter anderem den Bronchospasmus auslöst. Chronische Inflammation führt vor allem bei Asthmatikern zu Remodeling der Lunge (Verdickung der Basalmembran, subepitheliale Fibrose), wobei ein Remodeling der Nasenschleimhaut, wenn überhaupt, weit geringer ausfällt.
Die Nase fungiert als natürlicher Filter der Atemluft, wobei die meisten Partikel bereits hier abgefangen werden. Bei Nasenatmung gelangen nur Partikel kleiner als 5μm in die Lunge, intakte Pollenkörner besitzen einen Durchmesser von 20 bis 80μm, sind also nicht inhalierbar. Hausstaubmilben und Katzenallergene sind deutlich kleiner und daher auch lungengängig. Diese beiden Allergene sind auch Hauptverursacher des Asthmas, wohl auch wegen der ganzjährigen Exposition.
Zeitpunkt des Auftretens der Erkrankungen
Das „One airway“-Konzept ist bei Patienten mit bestehender allergischer Rhinitis schlüssig, bei Kindern ist es aber nicht ganz klar. So entwickeln Kinder manchmal Asthma bronchiale, ohne bereits an Rhinitis erkrankt zu sein. Auch ist nicht ganz verständlich, wenn auch erfreulich, warum nicht alle Patienten mit Hausstaubmilben- oder Katzenallergie Asthma bronchiale entwickeln. Erklärungsversuche gibt es viele, etwa dass der Zeitpunkt und die Stärke der Allergenexposition eine Rolle spielen oder das Ausmaß der Sensibilisierung (Polysensibilisierungen). Zusätzlich beeinflussen Genetik, Epigenetik, Geschlecht, frühkindliche Virusinfekte und das frühkindliche Mikrobiom, ob eine Allergie und in der Folge auch Asthma bronchiale auftritt. Es ist schwierig, aus diesen multifaktoriellen Ursachen einzelne Verursacher herauszuarbeiten, was insbesondere die Risikoberatung der jungen Allergiker erschwert.
Asthma ist nicht gleich Asthma
Asthma bronchiale ist eine heterogene Erkrankung, bei der die Typ-2-Inflammation dominiert. Allergisches Asthma tritt zumeist schon im Kindesalter auf, eosinophiles Asthma zumeist bei Erwachsenen („late onset“). Bei 30 bis 40% der Kinder findet sich Giemen, welches nicht gleichbedeutend mit Asthma ist. Giemen ist meist virusbedingt und selbstlimitierend. Allerdings entwickelt etwa ein Drittel der giemenden Kinder Asthma bronchiale. Da Lungenfunktionsmessungen zumeist erst ab dem 5. Lebensjahr möglich sind, begrenzt sich die Diagnostik zumeist auf die Klinik. Dies ist möglicherweise auch ein Grund, warum man bei Kindern von 10% Asthmatikern ausgeht, wobei eine größere Gruppe wohl an selbstlimitierendem Giemen leidet. Betrachtet man die Kurven des „atopic march“ (atopischer Marsch), so fällt auf, dass zuerst Giemen/Asthma auftritt und dann langsam die Rhinitis ab dem 5. bis 8. Lebensjahr ansteigt. Somit ist das „One airway“-Konzept nur bedingt bei Kindern anwendbar. Abbildung 1 zeigt das Auftreten von Rhinitis und Asthma bei deutschen Mädchen und Buben. Allerdings ist nicht ersichtlich, wer Rhinitis und Asthma hat.
Abb. 1: Lebenszeitprävalenz von allergischer Rhinitis und allergischem Asthma bei deutschen Kindern und Jugendlichen nach Geschlecht und Alter (modifiziert nach Thamm R et al. 2018)
Allergenspezifische Immuntherapie und Asthmaprävention
Die Gründe, warum ein Patient Asthma bronchiale entwickelt, sind vielfältig. Leider gibt es nur wenige wirksame präventive Maßnahmen, wie etwa die Nikotinkarenz. Eine primäre Allergieprävention existiert bis dato nicht, die allergenspezifische Immuntherapie kann aber die Schwere und den Verlauf der allergischen Erkrankung positiv beeinflussen und die Entwicklung von Asthma bronchiale hintanhalten oder sogar verhindern. Das konnte nicht nur für Pollenallergene (Birke und Gräser – PAT-Studie), sondern auch für Hausstaubmilben gezeigt werden. Ein möglichst früher Therapiebeginn ist zu empfehlen.
Eine zentrale Frage ist, woran man erkennen könnte, dass ein Patient allergisches Asthma entwickeln könnte. Neben unspezifischen Triggern wie genetischen, epigenetischen und Umweltfaktoren, viralen Infekten und dem Mikrobiom sind vor allem das Allergen (perenniales Allergen) und die Stärke der Allergenexposition entscheidend. Sequenzielle Sensibilisierungs-studien mittel Allergenchips zeigen, dass multiple Polysensibilisierung mit erhöhtem Asthmarisiko einhergeht.
Was ist bekannt?
-
Die allergische Rhinitis ist ein Risikofaktor für die Entwicklung von Asthma bronchiale.
-
Das Risiko ist 2- bis 7-fach höher.
-
Bronchiale Hyperreaktivität ist bei allergischer Rhinitis ein weiterer Risikofaktor.
-
Risikoallergene sind vor allem die perennialen Allergene.
-
Frühkindliche Polysensibilisierungen führen eher zu Asthma.
-
Die allergenspezifische Immuntherapie kann die Entwicklung von Asthma bronchiale verhindern bzw. hintanhalten.
Was ist unklar?
-
Nicht jeder Patient mit allergischer Rhinitis bekommt Asthma.
-
Kinder bekommen oftmals Asthma, bevor sie Rhinitis entwickeln.
-
Aufgrund der multifaktoriellen Genese ist eine genaue Vorhersage nicht möglich.
Literatur:
● Batard T et al.:Allergen immunotherapy for the prevention and treatment of asthma. Cin Exp Allergy 2025; 55: 111-41 ● Belgrave DCM et al.: Developmental profiles of eczema, wheeze, and rhinitis: two population-based birth cohort studies. PLoS Med 2014; 11(10): e1001748●Calderon M et al.: House dust mite respiratory allergy: an overview of current therapeutic strategies. J Allergy Clin Immunol Pract 2017; 3: 843-55 ● Davidson WF et al.: Report from the National Institute of Allergy and Infectious Diseases workshop on „Atopic dermatitis and the atopic march: mechanisms and interventions“. J Allergy Clin Immunol 2019; 143: 894-913 ● Demoly P et al.: Impact of liquid sublingual immunotherapy on asthma onset and progression in patients with allergic rhinitis: a nationwide population-based study (EfficAPSI study). Lancet Reg Health Eur 2024; 41: 100915 ● Fuchs O et al.: Asthma transition from childhood into adulthood. Lancet Respir Med 2017; 5: 224-34 ● Grembiale RD et al.: Effects of specific immunotherapy in allergic rhinitic individuals with bronchial hyperresponsiveness. Am J Respir Crit Care Med 2000; 162: 2048-52 ● Jensen SK et al.: From genotype to phenotype in early childhood asthma. J Allergy Clin Immunol 2026; 157: 833-42 ● Lopuhaä CE et al.: Allergen-induced bronchial inflammation in house dust mite-allergic patients with or without asthma. Clin Exp Allergy 2002; 32: 1720-7 ● Marogna M et al.: Preventive effects of sublingual immunotherapy in childhood: an open randomized controlled study. Ann Allergy Asthma Immunol 2008; 101: 206-11 ● Marogna M et al.: Effect of adjuvanted and standard sublingual immunotherapy on respiratory function in pure rhinitis due to house dust mite over a 5-year period. World Allergy Organ J 2017; 10: 7 ● Miranda-Katz MR et al.: The rhinovirus puzzle: linking virus and host factors to childhood asthma. J Allergy Clin Immunol 2026; 157: 787-95 ● S2k-Leitlinie Fachärztliche Diagnostik und Therapie von Asthma. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/020-009 ; zuletzt aufgerufen am 21.5.2026 ● Shaaban R et al.: Rhinitis and onset of asthma: a longitudinal population-based study. Lancet 2008; 372: 1049-57 ● Thamm R et al.: Allergic diseases in children and adolescents in Germany. Results of the cross-sectional KiGGS Wave 2 study and trends. J Health Mon 2018; 3(3): 3-16
Das könnte Sie auch interessieren:
Infektion und Inflammation bei zystischer Fibrose
Die Lebenserwartung bei zystischer Fibrose hat sich dank großer therapeutischer Fortschritte gebessert, hochwirksame Kombinationstherapien mit CFTR-Modulatoren können Exazerbationen ...