Cannabis in Deutschland: Update nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes
Autor:innen:
Prof. Dr. Anke Stallwitz
Dr. Larissa Steimle
Prof. Dr. Bernd Werse
Evangelische Hochschule Freiburg
E-Mail: stallwitz@eh-freiburg.de
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Mit dem Cannabisgesetz (CanG), bestehend aus Konsumcannabisgesetz (KCanG) und Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG), das am 1. April 2024 in Kraft getreten ist, wurden Besitz, Eigenanbau und gemeinschaftlicher Anbau von Cannabis für Erwachsene geregelt. Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage, wie sich die Zugangswege und Wahrnehmungen der Konsumierenden seit dem CanG verändert haben und welche praktischen und politischen Implikationen sich daraus ergeben.
Keypoints
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Seit Inkrafttreten des CanG beziehen Erwachsene Cannabis deutlich häufiger über Eigenanbau und Apotheken.
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Minderjährige beziehen Cannabis weiterhin überwiegend über Bekannte oder vertraute Dealer:innen und bleiben damit stärker illegalen Märkten und damit verbundenen Risiken ausgesetzt.
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Berichtet werden weniger Angst vor Strafverfolgung, mehr Akzeptanz und geringere Hemmungen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
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Zentrale Herausforderungen bleiben bestehen: u.a. ein stark wachsender, wenig regulierter Medizinal-Cannabis-Markt, unzureichende jugendspezifische Prävention, offene Fragen zur Regulierung von Anbauvereinigungen.
Einleitung
Mit dem Cannabisgesetz (CanG), bestehend aus Konsumcannabisgesetz (KCanG) und Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG), das am 1. April 2024 in Kraft getreten ist, werden Besitz, Eigenanbau und gemeinschaftlicher Anbau von Cannabis für Erwachsene geregelt. Erwachsene dürfen bis zu 25g Cannabis mitführen, bis zu 50g zu Hause lagern und bis zu drei Pflanzen pro Person besitzen. Seit 1.7.2024 wurden 866 Anträge für Anbauvereinigungen gestellt, von denen bisher 430 genehmigt wurden.1 Zudem wurde der Zugang zu medizinischem Cannabis durch das MedCanG erheblich erleichtert, da Verordnungen nun nicht mehr dem Betäubungsmittelrecht unterliegen.2
Datenbasis: die KonCanG-Studie
Um die Auswirkungen des CanG empirisch zu erfassen, führten wir von März bis Juni 2025 eine quantitative Online-Befragung mit 11471 Personen, darunter 96 Minderjährige, durch.3 Teilnehmen konnten Personen ab 14 Jahren, die seit Inkrafttreten des CanG mindestens einmal Cannabis konsumiert hatten. Die Stichprobe ist nicht repräsentativ, bildet jedoch vor allem jene Gruppe ab, die den Großteil des in Deutschland konsumierten Cannabis verbraucht: häufig konsumierende Erwachsene.4,5
Zentrale Forschungsfragen waren:
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Wie haben sich die Bezugswege durch das CanG insgesamt und in verschiedenen Gruppen verändert?
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Welche Gruppen profitieren subjektiv am meisten durch das CanG?
Veränderungen der Bezugswege bei Erwachsenen
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Verschiebung von illegalen zu legalen Quellen. Vor dem CanG bezogen Erwachsene ihr Cannabis überwiegend über vertraute Dealer:innen oder Freund:innen. Seit dem Gesetz dominieren hingegen Eigenanbau (49%) und Apotheken (29,2%) als Hauptbezugsquellen. Der Anteil ursprünglich legaler Quellen stieg von 23,5% auf 88,4%. Besonders der Eigenanbau hat sich vervielfacht. Auch der Apothekenbezug nahm deutlich zu, was mit dem erleichterten Zugang zu medizinischem Cannabis und dem Boom telemedizinischer Angebote zusammenhängt (Abb.1).3
Abb. 1: Vergleich Hauptbezugswege von Jugendlichen und Erwachsenen vor dem 1.4.2024 und in den letzten sechs Monaten vor der Befragung (modifiziert nach Steimle L et al. 2026)3
Beide Entwicklungen wurden auch innerhalb der bundesdeutschen Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN) beobachtet. Während der 1. EKOCAN-Zwischenbericht (veröffentlicht im September 2025) schätzte, dass 12–14% des 2024 konsumierten Cannabis durch Medizinal-Cannabis gedeckt wurden,6 bestätigte der 2. Zwischenbericht (veröffentlicht im April 2026) diese Entwicklung.7
Illegale Quellen wie Dealer:innen verloren stark an Bedeutung. Die Weitergabe von legal angebautem Cannabis reduzierte sich, behielt jedoch einen substanziellen Anteil – ein Hinweis darauf, dass „social supply“ eine wesentliche Rolle spielt, wie auch EKOCAN berichtet.6
Bezugswege von Jugendlichen
Obwohl wir nur 96 Minderjährige erreicht haben, präsentieren wir die Ergebnisse dennoch, da es bisher keine vergleichbare Forschung zu Cannabis und Jugendlichen gibt und die Ergebnisse wichtige Präventionshinweise beinhalten.Bei Jugendlichen zeigten sich kaum Veränderungen bei den Zugangswegen. Sie bezogen Cannabis weiterhin überwiegend über Freund:innen (45,8%) oder vertraute Dealer:innen (33,3%). Eigenanbau spielte mit 6,3% nur eine marginale Rolle (Abb.1).3
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Teillegalisierung Bezugswege von Jugendlichen bisher kaum beeinflusst und dass jugendliche Konsumierende weiterhin auf etablierte informelle Netzwerke zurückzugreifen scheinen. Zudem konsumierten Jugendliche häufiger synthetische Cannabinoide als Erwachsene – ein Befund, der angesichts der hohen gesundheitlichen Gefahren dieser Substanzen genauer beleuchtet werden sollte.8 Aus Sicht der Prävention sind diese Ergebnisse bedeutsam, da Jugendliche somit stärker als Erwachsene illegale Märkte nutzen, was mit Risiken verbunden ist. Diese umfassen zum Beispiel unregulierte, hochpotente, kontaminierte oder synthetische Cannabisprodukte, Kontakt zu kriminellen Milieus sowie Kriminalisierung und Stigmatisierung.9
Weitere Befunde zu Konsum und Beschaffung
Neben der Hauptquelle nutzten viele Konsumierende zusätzliche Wege:
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62% gaben an, Cannabis zumindest gelegentlich aus Eigenanbau zu beziehen.
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44% nutzten Apotheken als ergänzende Quelle.
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36% verwendeten mindestens eine illegale Bezugsquelle; ohne Freund:innen mit Eigenanbau lag dieser Anteil bei 20,8%.
Diese Befunde zeigen, dass legale Quellen bei Erwachsenen stark an Relevanz gewonnen haben, während illegale Zugangswege jedoch nicht bedeutungslos geworden sind. Gleichzeitig verdeutlichen sie, dass der Eigenanbau für viele Konsumierende eine zentrale Rolle spielt – teilweise auch für Personen, die nur gelegentlich konsumieren.
Subjektive Auswirkungen des CanG
Die Mehrheit der Befragten berichtete positive subjektive Effekte des Gesetzes:
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77% gaben an, keine Angst mehr vor Strafverfolgung zu haben.
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69% berichteten weniger Hemmungen, sich Hilfe zu suchen.
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61% fühlten sich weniger beobachtet, 59% akzeptierter.
Diese Befunde weisen auf eine Entlastung durch den Wegfall bestimmter strafrechtlicher Risiken und eine Verringerung stigmatisierender Erfahrungen hin – Aspekte, die für die psychische Gesundheit und die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten wesentlich sind. Internationale Studien zeigen, dass Stigmatisierung einen zentralen Faktor hinsichtlich psychischer Belastung bei Konsumierenden darstellt.10,11
Schlussfolgerungen und Ausblick
Seit Einführung des CanG hat sich ein kommerzieller Medizinal-Cannabis-Markt entwickelt, charakterisiert durch einen starken Zuwachs an telemedizinischen und Online-Apotheken-Angeboten, aggressive Online-Werbung und günstige Preise. Telemedizinische Anbieter ermöglichen sehr niedrigschwellige Zugänge, häufig ohne persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt. Gleichzeitig sind die Einfuhr und die Produktion medizinischer Cannabisprodukte stark gestiegen, diePreise sind gefallen und die Werbung bleibt– trotz Verbots – präsent. Politisch wird inzwischen gegengesteuert: Ein Gesetzentwurf sieht ein Versandverbot für Cannabisblüten und eine Präsenzpflicht bei Erstverordnungen vor. Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass sich die Bedingungen von Patient:innen mit Bedarf an medizinischem Cannabis deutlich verschlechtern können. Alternativ könnte Werbung strafrechtlich verfolgt und konsequent sanktioniert werden.
Obwohl der Schutz Minderjähriger ein zentrales Ziel des CanG war, sind bislang kaum jugendspezifische Präventionsmaßnahmen umgesetzt worden, die der neuen politischen Situation angepasst wären. Prävention sollte lebensweltorientiert sein und sowohl Risikokompetenz als auch Nichtkonsum adressieren. Der Konsum synthetischer Cannabinoide unter Jugendlichen unterstreicht den Bedarf an gezielter Aufklärung. Gleichzeitig zeigt die geringe Nutzung legaler Quellen durch Jugendliche, dass das CanG allein keine jugendspezifischen Schutzmechanismen erzeugt.
Die Ergebnisse belegen, dass das CanG bei erwachsenen Konsumierenden zu einer deutlichen Verlagerung hin zu legalen Quellen geführt hat – stärker als erwartet. Gleichzeitig bestehen Herausforderungen: ein wenig regulierter kommerzieller medizinischer Markt, unzureichender Jugendschutz, die Frage, wie Anbauvereinigungen künftig reguliert und bürokratische Hürden der Lizenzierung abgebaut werden können sowie politische Kontroversen zur grundsätzlichen Weiterführung. Damit bleibt das CanG ein Reformschritt mit ambivalenten Effekten, dessen weitere Entwicklung wesentlich davon abhängen wird, wie flexibel und evidenzbasiert Politik und Praxis auf die sich dynamisch verändernden Markt- und Konsumbedingungen reagieren.◼
Literatur:
1 Bundesarbeitsgemeinschaft Cannabis-Anbauvereinigungen (BCAv) (2026). Antrags- und Genehmigungszahlen. https://anbauverband.de/antrags-und-genehmigungszahlen/ ;zuletzt aufgerufen am 28.5.2026 2 Deutscher Bundestag: Entwurf eines Gesetzes zum kontrollierten Umgang mit Cannabis und zur Änderung weiterer Vorschriften (Cannabisgesetz – CanG). BT-Drs. 20/8704. https://dserver.bundestag.de/btd/20/087/2008704.pdf ; zuletzt aufgerufen am 28.5.2026 3Steimle L, Werse B, Stallwitz A: Veränderungen von Bezugswegen, Einstellungen und Wahrnehmungen von Cannabiskonsumierenden durch das Cannabisgesetz – eine quantitative Befragung von Konsumierenden. Bundesgesundheitsblatt 2026 (in Druck) 4 Orth B, Merkel C: Die Drogenaffinität Jugendlicher in Deutschland 2023. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung,2023. https://www.bioeg.de/fileadmin/user_upload/Studien/PDF/DAS_2023_Forschungsbericht_final.pdf ; zuletzt aufgerufen am 28.5.2026 5 Rauschert C et al.: The use of psychoactive substances in Germany. Dtsch Arztebl Int 2022; 119: 527-34 6 Manthey J et al.: Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN): 1. Zwischenbericht. 2025. http://doi.org/10.25592/uhhfdm.17993 ; zuletzt aufgerufen am 28.5.2026 7 Manthey J et al.: Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN): 2. Zwischenbericht (Version 1). http://doi.org/10.25592/uhhfdm.18530 ; zuletzt aufgerufen am 28.5.20268 European Union Drugs Agency (EUDA): New psychoactive substances – the current situation in Europe (European Drug Report 2024). https://www.euda.europa.eu/publications/european-drug-report/2024/new-psychoactive-substances_en ; zuletzt aufgerufen am 28.5.2026 9 Stallwitz A: A pragmatic approach to legal cannabis and youth in Germany: prevalence, risk, and harm prevention. Contemporary Drug Problems (in Druck) 10 Room R: Stigma, social inequality and alcohol and drug use. Drug Alcohol Rev 2005; 24(2): 143-55 11 Schomerus G et al.: The stigma of alcohol dependence compared with other mental disorders: a review of population studies. Alcohol Alcohol 2011; 46(2): 105-12
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