Kommerzielle Mikrobiomtests liefern fragwürdige Ergebnisse
Die Analyse von Stuhlproben durch kommerzielle Anbieter liefert keine zuverlässigen Ergebnisse über das Darmmikrobiom. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung eines US-Forscherteams, das 21 Mikrobiomtests analysiert hat. Experten raten davon ab, solche Tests in der Routinediagnostik einzusetzen.
Laut den Autor:innen wurde in der Studie erstmals systematisch die Leistungsfähigkeit von Darmmikrobiom-Heimtests untersucht.1 In der Fachliteratur ist die mangelhafte Aussagekraft von Mikrobiom-tests aber keine Neuheit.2 Trotzdem gibt es einen Markt für kommerzielle Mikrobiomanalysen. Anbieter werben damit, dass sie mit einer eingeschickten Stuhlprobe den Kund:innen individuelle Informationen über Entzündungswerte, Gewichtsregulierung, körperliches und psychisches Wohlbefinden und sogar passende Rezeptvorschläge liefern können. Dabei sind die Schwierigkeiten von Mikrobiomanalysen bekannt. Schon die Definition eines „gesunden“ oder „kranken“ Mikrobioms ist nicht trivial, genau wie die Wahl einer geeigneten Vergleichsgruppe. Bei der Entnahme, Verpackung und dem Transport dürfen die Stuhlproben nicht durch äußere Einflüsse verfälscht werden und deren Analyse ist aufwendig und kostspielig.
Untersuchung der Stuhlproben
In der aktuellen Studie verwendeten die Forschenden Stuhlproben eines Spenders, die so aufbereitet wurden, dass sie daraus mehrere Einzelproben mit immer der gleichen Zusammensetzung an Mikroben erhielten. Dann bestellten sie je drei kommerzielle Testkits von sieben anonymisierten Anbietern und ließen immer jene standardisierte Stuhlprobe analysieren. Zum Vergleich führten sie eine eigene aufwendige Untersuchung der Mikrobiomzusammensetzung der Probe im Labor durch. Die Analysen zeigten unterschiedliche Ergebnisse, was die relative Häufigkeit ausgewählter Darmbakterien angeht – sowohl zwischen als auch innerhalb der Anbieter. Sie ziehen die Schlussfolgerung, dass es große Defizite in der Qualität der Tests gibt.
„Die Studie ist sehr elegant konzipiert und zeigt eindrucksvoll, wie unzuverlässig die getesteten kommerziellen Mikrobiomtests sind. In der medizinisch-wissenschaftlichen Community ist dieser Sachverhalt aber schon länger ein viel diskutiertes Thema“, so Univ.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Gregor Gorkiewicz, Medizinische Universität Graz, in einem Kommentar zu den Studienergebnissen. „In der Studie wurden mehrere Faktoren identifiziert, die zu den abweichenden Testergebnissen führten. Ein Hauptfaktor ist, dass jeder Anbieter seine eigene Methodik der Mikrobiomanalyse verwendet, es hier aber kein Standardverfahren gibt. Überraschend in diesem Zusammenhang ist auch, dass bei einzelnen Anbietern die Varianz der eigenen Analyse – es wurden Replikate an die Firmen versandt – größer war als die Varianz der Ergebnisse zwischen verschiedenen Firmen. Das erzeugt den Anschein, dass diese kommerziellen Tests eher etwas mit einer Lotterie als mit einem validen medizinischen Verfahren zu tun haben.“
Prof. Dr. André Gessner, Leiter des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene, Universität Regensburg, betont: „Mehrere medizinische Fachgesellschaften beziehungsweise internationale Expertengremien raten derzeit davon ab, Mikrobiomtests bereits breit in der Routinediagnostik einzusetzen. Der Grund ist neben der erneut von der in der aktuellen Studie gezeigten fehlenden Standardisierung die meist noch nicht mögliche konkrete Therapieempfehlung aufgrund eines Mikrobiombefundes. Entsprechend betont ein aktuelles internationales Konsensuspapier, dass die Evidenz für eine breite routinemäßige Mikrobiomtest-Anwendung derzeit nicht ausreicht.“2 Gorkiewicz: „Die zentrale Frage ist, inwieweit das (Stuhl-)Mikrobiom als diagnostischer Marker eingesetzt werden kann. Wie auch in der Studie diskutiert, gibt es bis heute keine genaue Definition eines gesunden Mikrobioms. Das ist bedingt durch die hohe Personalisierung des Mikrobioms. Wir wissen zum Beispiel, dass selbst bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED), die eindeutig mit Darmproblemen einhergehen, eine Unterscheidung zwischen gesund und krank anhand des Stuhlmikrobioms nicht sicher möglich ist. Damit ist klar, dass dann bei Erkrankungen des Zentralnervensystems oder der Psyche die Konstellationen noch komplizierter werden. Im klinischen Umfeld haben Mikrobiomtests, die dann von medizinischen Laboren durchgeführt werden, eine gewisse Indikation. Zum Beispiel bei schwer kranken Patient:innen auf der Intensivstation, beispielsweise nach einer Stammzelltransplantation, bei denen der Nachweis einer sogenannten ,Mikrobiomverarmung‘ einen gewissen diagnostischen Wert hat, der dann auch therapeutische Konsequenzen nach sich zieht.“ (red)
Quelle:
Pressemitteilung des Science Media Center (SMC) Germany vom 26.2.2026
Literatur:
1 Serveta SL et al.: Evaluating the analytical performance of direct-to-consumer gut microbiome testing services. Commun Biol 2026; doi: 10.1038/s42003-025-09301-3 2 Porcari S et al.: International consensus statement on microbiome testing in clinical practice. Lancet Gastroenterol Hepatol 2025; 10(2): 154-67
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