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Ein Blick in die Zukunft und in die Vergangenheit

30 Jahre Geburtshilfe

Die Geburtshilfe hat sich in den vergangenen 30 Jahren grundlegend verändert. Fortschritte in Reproduktionsmedizin, Pränataldiagnostik, Neonatologie und Geburtshilfe haben neue Möglichkeiten eröffnet, aber auch ethische und gesellschaftliche Fragen aufgeworfen. Dr. Maria Stammler-Safar blickt auf zentrale Erfolge, Irrtümer und bewahrenswerte Entwicklungen zurück. Dr. Maximilian Brandstetter wagt einen Ausblick auf die kommenden Jahrzehnte – zwischen technologischem Fortschritt, Prävention, Menschlichkeit und der Frage, wie viel Medizin Schwangerschaft und Geburt brauchen.

Rückblick auf die letzten drei Jahrzehnte

M. Stammler-Safar: In der Geburtshilfe sind aus meiner Sicht die markanten Veränderungen in der Schwangerschaftsentstehung und -betreuung geschehen, sprich in der Reproduktionsmedizin und der Pränataldiagnostik. Die technischen Möglichkeiten, wie die stete Verbesserung der Ultraschallgeräte und damit unglaublich genaue Pränataldiagnostik in frühen Schwangerschaftswochen hätten sich die wenigsten von uns vorstellen können. Ebenso die Veränderungen in der Geburtsbetreuung mit einer Verdreifachung der Sectiorate, der Abkehr von fast „heiligen“ Routinen wie der Zwangs-Episiotomie bei Erstgebärenden, das Verschwinden der Geburtszange. Auch die Entwicklungen der Neonatologie haben unser geburtshilfliches Denken und Handeln stark verändert: Wer hätte vor dreißig Jahren gedacht, dass man für ein unter 500g schweres Baby vor der 23. Schwangerschaftswoche eine Kaiserschnittentbindung durchführt, weil es Chancen auf Überleben hat?

Was war der größte Erfolg in den letzten 30 Jahren?

M. Stammler-Safar: Ich finde, dass die technischen Errungenschaften, die nötig waren, um eine nichtinvasive Pränataldiagnostik in der 10. Schwangerschaftswoche durchführen zu können, einer der größten Erfolge waren. Die Art und Weise, wie wir mit den nicht immer eindeutigen Ergebnissen umgehen werden, könnte zu einem Prüfstein für gesellschaftliche Moral und Toleranz werden. Eine weitere beeindruckende Leistung ist die Entwicklung der intrauterinen Lasertherapie im Bereich der monochorialen Gemini mit fetofetalem Transfusionssyndrom.

<< Es gilt, den Spagat zwischen zu viel und zu wenig Information zu schaffen sowie die Gratwanderung zwischen Bevormundung der Patientin und Alleinelassen derselben in wesentlichen Momenten des Lebens zu meistern.>>
M. Stammler-Safar
Was war der größte Irrtum der letzten 30 Jahre?

M. Stammler-Safar: Die seriell wiederholte Lungenreifungsinduktion mit Kortikosteroiden bei drohender Frühgeburt hat sich als Irrtum herausgestellt. Die Bettruhe für Schwangere mit jedweder Problematik wurde sicher überstrapaziert, insbesondere ohne das Bedenken einer Thromboseprophylaxe. Auf interpersoneller Ebene stellt sich die übermäßige, patriarchale Bevormundung von schwangeren und gebärenden Frauen als Irrtum heraus, dem wir mehr und mehr zu entkommen trachten. Frauen setzen sich mehr zur Wehr gegen bevormundendes und allzu hierarchisch denkendes medizinisches Personal, das ihnen selbstgefällig zu erklären versucht, wann sie Kinder bekommen sollen, wie viele davon und auf welche Art und Weise.

Was aus den letzten 30 Jahren sollte unbedingt bewahrt werden?

M. Stammler-Safar: Die Schwangerenbetreuung, die in Österreich mit dem Mutter-Kind-Pass früh begonnen und ein sehr gutes Niveau erreicht hat, soll bewahrt werden. Der Zugang zur Pränataldiagnostik als Kassenleistung sollte endlich umgesetzt werden. Kontrollen der Schwangeren in spezialisierten Zentren bei besonderen Pathologien, seien es maternale oder fetale, sind eine Errungenschaft, die beibehalten werden sollte. Ich denke dabei an Wachstums- und Dopplerkontrollen, an Begutachtung bei suspekter Plazentaimplantation, Betreuung von Schwangeren mit Gestationsdiabetes und vieles andere mehr. Die Geburt im Spital könnte durch einen besseren Personalschlüssel mit 1-zu-1-Hebammenbetreuung noch aufgewertet werden, die Anwesenheit einer Vertrauensperson, meist des Kindesvaters, hat sich bewährt und sollte beibehalten werden. Im zwischenmenschlichen Bereich sollte bewahrt und weiter ausgebaut werden, dass Patientinnen individuelle Zuwendung bekommen und gut informiert mitentscheiden können, wie sie durch die Schwangerschaft und Geburt gehen möchten. Dafür sind von der Schwangeren eine gewisse Selbstständigkeit und Verantwortlichkeit erforderlich. Von ärztlicher Seite gilt es, den Spagat zwischen zu viel und zu wenig Information zu schaffen sowie die Gratwanderung zwischen Bevormundung der Patientin und Alleinelassen derselben in wesentlichen Momenten des Lebens zu meistern.




Ausblick auf die kommenden drei Jahrzehnte

Was werden wir in 30 Jahren rückblickend erstaunt betrachten?

M. Brandstetter: Blickt man in 30 Jahren auf die heutige Geburtshilfe zurück, wird man sich vermutlich über den rasanten technologischen Fortschritt ebenso wundern wie über dessen damalige Grenzen. Besonders die Entwicklung extrauteriner Systeme zur Weiterentwicklung extrem frühgeborener Kinder – eine Art künstlicher Uterus – könnte rückblickend als Meilenstein erscheinen. Gleichzeitig wird deutlich werden, wie unpräzise unsere heutige Risikoberechnung war, verglichen mit zukünftigen Möglichkeiten, genetische, plazentare und funktionelle Informationen frühzeitig und nichtinvasiv zusammenzuführen.

Was wird der größte Erfolg in den kommenden 30 Jahren sein?

M. Brandstetter: Der größte Erfolg der kommenden Jahrzehnte wird im besseren Verständnis der Schwangerschaft als komplexes biologisches System liegen – insbesondere in Fortschritten bei der Prävention und Therapie der Frühgeburtlichkeit durch eine enge Zusammenarbeit von Geburtshilfe und Neonatologie.

<< Der unkritische Einsatz von Technologie droht, Erfahrung, klinisches Urteilsvermögen und Vertrauen zu verdrängen.>>
M. Brandstetter
Was könnte der nächste große Irrtum in den kommenden 30 Jahren sein?

M. Brandstetter: Es besteht die Gefahr, dass neue technische Möglichkeiten zu Fehlentwicklungen führen. Eine zunehmende Übertechnisierung der Schwangerschaft, permanente Überwachung ohne klaren klinischen Mehrwert oder eine Ausweitung defensiver Medizin könnten zu Überdiagnostik, Verunsicherung der Schwangeren und weiter steigenden Interventions- und Sectioraten beitragen. Der unkritische Einsatz von Technologie droht dabei, Erfahrung, klinisches Urteilsvermögen und Vertrauen zu verdrängen.

Was sollte in den nächsten 30 Jahren unbedingt bewahrt bleiben?

M. Brandstetter: Wichtig ist, in den kommenden 30 Jahren zentrale Werte der Geburtshilfe zu bewahren. Dazu zählen das klare Ziel der vaginalen Geburt, wenn medizinisch vertretbar, die enge und respektvolle Zusammenarbeit mit Hebammen sowie der Erhalt geburtshilflicher Expertise – insbesondere in Zusammenhang mit vaginaler Entbindung bei Beckenendlagen und Zwillingsgeburtshilfe. Die Zukunft der Geburtshilfe wird dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, Innovation mit Menschlichkeit zu verbinden und Technik als Unterstützung, nicht als Ersatz für Erfahrung und Beziehung zu verstehen.

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